5.5 Das Internet als Erweiterung der klassischen Massenmedien?

Öffentlichkeit und Massenmedien. Diese Begriffe waren im Laufe der Analyse die bestimmenden Begriffe. Massenmedien konstruieren durch ihre Beobachtung zweiter Ordnung das, was wir als öffentliche Meinung tagtäglich wahrnehmen. Betrachtet man die Beschaffenheit des World Wide Webs, so trifft diese Einschätzung derzeit zu.

Luhmann äußerte in einem Interview, dass das Internet kein Massenmedium sei. Diese These ist vor dem heutigen Hintergrund nicht haltbar. Im Laufe der Zeit verlagerten die klassischen Printmedien ihre Berichterstattung immer weiter ins Netz. Diese Webseiten weisen noch das klassische Modell vor, welches Luhmann in seinem Werk „Die Realität der Massenmedien“ formulierte:

„Entscheidend ist auf alle Fälle: daß keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfängern stattfinden kann.“[1]

Im Jahr 2012 muss also keine großangelegte wissenschaftliche Analyse vollzogen werden, um Websites der klassischen Medien dem Teilsystem der Massenmedien zuzuschreiben. Denn zunehmend verlagert sich die Berichterstattung ins World Wide Web. Doch hat diese Tatsache zunächst keinen Einfluss auf die Ansicht, dass das WWW ein autopoietisches System darstellen würde. Ende der 90er Jahre wurden einige Versuche unternommen, dass WWW innerhalb der Systemtheorie zu kategorisieren. Huber fasst diese Ansichten treffend zusammen:

„Der Versuch, das WWW als autopoietisches System zu beschreiben erscheint nun sehr schnell aussichtslos. Wo ist hier ein dynamisches Prozessieren in der Form von Kommunikation zu erkennen? Die nicht autopoietisch generierten, sondern allopoietisch von der Umwelt im Netz abgelegten Informationen werden durch ihren Abruf nicht beeinflußt, sie bleiben statisch. Wird ihr Abruf, ihre Verarbeitung durch psychische Systeme als WWW-spezifische Kommunikation betrachtet, so bewirkt er keine als Information nutzbare Strukturveränderung, wie es für Kommunikation in sozialen Systemen charakteristisch ist.

Das liegt nun nicht daran, dass es technisch unmöglich wäre, den Abruf von WWW-Seiten kommunikativ nutzbar zu machen und zu einem sozialen System zu schließen, das dann diesen ‚Abruf‘ prozessiert, ja vielleicht sogar als symbolisch generalisiertes Kommunkationsmedium verwendet. Es passiert einfach nicht, weil all die Kommunikationsangebote im WWW völlig unterschiedlich motiviert sind. Ob jemand sich und seine Arbeit auf einer persönlichen ‚Homepage‘ vorstellt oder ein Unternehmen die Webseite als Aushängeschild für seine ‚Innovativität‘verwendet, in beiden Fällen dürfte relativ unwichtig sein, wieviele Menschen das Kommunikationsangebot wirklich zur Kenntnis nehmen und wie sie darauf reagieren. Dasselbe gilt für das Auftreten einer staatlichen Einrichtung oder anderer Organisationen, wenn ein möglichst umfassendes Informationsangebot als (derzeit immer kostenloser) Service verstanden wird.

Soll dagegen dieses Informationsangebot weitere Kommunikationen anbahnen, womit sowohl Rückmeldungen aufgrund von Interessenverwandschaft mit der Folge weiterer Kommunikationen, als auch der Kauf der vorgestellten Produkte gemeint sein kann, dann erfüllt der Abruf nur eine Vorbedingung für die Nutzbarmachung des WWW durch ein anderes soziales System. Gemeinsam ist allen Angeboten dann nur die Präsenz in einem Verbreitungsmedium, das seinen Verbreitungsmodus, die Logik nach der diese geschieht noch nicht entwickelt oder jedenfalls noch nicht enthüllt hat, aber aufgrund seiner technischen Möglichkeiten alles verspricht.

Einen Extremfall für den dies nicht mehr gilt, markieren dabei Organisationen des Massenmediensystems, die mit ihrer Webpräsenz auf die Jagd nach möglichst hohen Zugriffszahlen gehen, um damit Werbeeinnahmen zu erzielen. Das ist natürlich nichts anderes als die Nutzung des WWW als Verbreitungsmedium durch ein auf die Nutzung von Verbreitungsmedien angewiesenes Funktionssystem, und sie geschieht (jedenfalls zur Zeit) unter Rückgriff auf die durch dieses System entwickelten Selektoren. Das Online-Angebot der Spiegel-Redaktion z.B. stützt sich auf die dem Nachrichtenmagazin als Teil des Massenmediensystems zugesprochene Bekanntheit und Kompetenz, wenn es im WWW auftritt.“[2]

Diese Einschätzung deckt sich auch mit der Klubas. Dieser entwickelte seine Ergebnisse aus den theoretischen Vorarbeiten von Peter Fuchs und Elena Esposito, die sich schon in den frühen 90er Jahren mit systemtheoretischer Relevanz des Internets beschäftigten. Er distanziert sich jedoch deutlich von Fuchs’ Thesen:

„Es ließe sich im Gegenteil die These aufstellen, dass das WWW nicht codiert sein kann, da in Anschluss an Wehner (1997) das ‚Fehlen‘ einer Referenz gerade die Funktion des WWW darstellt. So ist es offen für sämtlichen codierten sozialen Systeme und auch für Mitteilungen psychischer Systeme, sodass, wie gezeigt, ein nicht unerheblicher Teil der im WWW vorfindbaren Dokumente bzw. Web-Seiten den Massenmedien zurechenbar sind, die sich des WWW als Medium bedienen. Private Webseiten sind aufgrund ihrer fehlenden organisatorischen Struktur jedoch nicht den Massenmedien als System zurechenbar. Auch wenn sie an ihrer Oberfläche und von ihrer inhaltlichen Gestaltung her viele Analogien aufweisen, so sind es doch private (adressatenanonyme) Mitteilungen, die einen Diversifizierungsbedarf decken, den die Massenmedien aufgrund ihrer selektierenden Struktur offensichtlich nicht decken können. Die absolute Offenheit des Mediums für alles (auch für Massenmedien) scheint damit eine Lücke zu füllen, die die zwangsläufige Selektivität der Massenmedien und ihrer organisatorischen Strukturen provoziert hat. Zugleich ermöglicht die im Vergleich zu nicht verknüpfbaren Medien (Zeitung, Buch etc.) neuartige Vernetzung oder auch ‚Verlinkung’ eine prinzipiell unbegrenzte Komplexität, die als Ganzes nicht beobachtbar ist. Beobachtbar ist lediglich die Oberfläche des Mediums, und auch diese nur in Teilauszügen mit Hilfe maschineller bzw. technischer Selektionsfunktion, wie sie bspw. durch Suchmaschinen erfüllt wird.“[3]

Diese Thesen scheinen auf den ersten Blick zutreffend zu sein. Mit der starken Kommerzialisierung des WWW wurde dieses für viele Funktionssysteme geöffnet. Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und viele andere Systeme nutzen das WWW zur Übertragung von Kommunikation. Aber wird diese Einschätzung diesem riesigen und ständig expandierenden Raum gerecht? Wie kann es dann sein, dass die Abläufe im WWW ständige „Irritationen“ in der Gesellschaft hervorrufen?

Betrachtet man die Fallbeispiele aus Deutschland und dem „Arabischen Frühling“ wird der Eindruck erweckt, dass Internet-Tsunamis nicht nur eine Form der Partizipation an politischen Prozessen darzustellen vermag. Vielmehr müssen wir uns in diesem Fall mit einem Raum beschäftigen, der seine eigene Realität konstruiert und Forderungen stellt.

Bevor wir nun diesen Ansatz weiter diskutieren, soll noch ein weiterer Rückgriff auf die Überlegungen von Peter Fuchs (2003) stattfinden, da hier eines der wenigen Konzepte vertreten wird, welches sich aus den Strukturen der Luhmann’schen Vorgaben löst. Wie die bisherigen Beispiele zeigen, ist es schwierig, eine Codierung des WWWs zu finden und das Konzept der Beobachtung zweiter Ordnung zu identifizieren. Fuchs versucht dies indem er den Hyperlink zu eben dieser Beobachtung macht:

„Die Form dieses Systems, des WWW, ist die laufende Reproduktion der Differenz der Dokumentebenen erster und zweiter Ordnung, eine Reproduktion, für die gelten müsste, dass sie geschützt wird gegen Interdependenzen mit dem System der Massenmedien. In dieser Schutz- oder Abschirmfunktion stehen klassisch Interdependenzunterbrecher, also Grenzen bzw. autopoietische Schließungen. Wir hatten schon ausgeführt, dass die Chance zur Schließung des WWW einzig in seiner Hypertextualität liegt, die virtuelle Vernetzungen der Dokumente erster Ordnung erlaubt. Diese Vernetzungen sind sequentielle Arrangements von Dokumenten, die Hyperlinks enthalten, die zu weiteren Dokumenten führen, die Hyperlinks enthalten, die zu weiteren Dokumenten führen, die … etc. Jene Arrangements sind, wie man vielleicht sagen könnte, nicht inferientell aufeinander bezogen im Sinne einer hierarchisch-logischen Struktur der Induktion bzw. Deduktion. Ihr Zusammenhang ist transferentiell, sie sind Kurzfristmuster mit hoher Zufallsempfindlichkeit und Zerfallsanfälligkeit.“[4]

Das „Surfen“ von Dokument zu Dokument stellt für Fuchs eine spezifische Operation dar, die es ermöglicht das WWW als autopoietisches System zu sehen. Der operative Prozess, der dann im Netz stattfinden kann und ständig stattfindet, ist ein ,,operatives Verweisen”, ein Durchschalten via Hyperlinks, das Fuchs mit dem Verb ,,linken” benennt. So entsteht auf den Bildschirmen der Nutzer „ein ständig neues Bild unser Welt, dessen Kontingenz durch einen Verweisungszusammenhangs gezähmt wird.“[5]

Fuchs vergleicht das Internet nicht nur mit dem System der Massenmedien, sondern auch mit dem der Kunst:

„So sonderbar es klingt, damit wird dieses System nicht nur vergleichbar mit dem System der Massenmedien, sondern auch mit dem der Kunst. Deren soziale Funktion gravitiert um das Problem, wie man in der Welt (die immer nur die Welt ist, die sie ist) wahrnehmbar macht, dass diese Welt nur beobachtete Welt und das heißt: unaufhebbar kontingent ist. […] Etwas operativer ausgedrückt: Die (moderne) Kunst zeigt an Kunstwerken, dass in jeder Beobachtung – weil sie Beobachtung ist – etwas verschwindet, die Möglichkeit einer Einheitsbeobachtung, einer Totalsicht, einer Perfektion in der Beobachtung der Welt. Kunst führt wahrnehmungstechnisch vor, dass die Welt nicht zu ‚haben‘ ist. Ebendeshalb ist Kunst zutiefst ironisch.

Das System [der Kunst] reproduziert die Differenz beobachtbar/unbeobachtbar im Medium der Wahrnehmung anhand eigens dafür präparierter Kunstobjekte, und es setzt dabei eine psychische Umwelt voraus, die in einem Zuge etwas Wieder erkennen und sich am Wieder erkennen bzw. Wieder erkannten überraschen lassen kann.“[6]

Des Weiteren bereitet es seine Erzeugnisse auch so zu, dass sich diese für den Beobachter in einer großen Varianz entfalten.[7] Damit gilt, dass nicht die Zusammenstellung in den Fokus rückt, sondern die „operative Reproduktion jener Differenz“[8]. Damit gelangen wir auch an den Vergleichspunkt des WWW mit dem System der Kunst. Beide Systeme lassen es nicht zu, eine Einheit zu repräsentieren. Die Kunst erfüllt dies durch die Schöpfung von Objekten, die sich nicht in jeder Facette betrachten lassen. Das WWW macht uns mit seinem unüberblickbaren Raum deutlich, dass sich Gesellschaft jeder Komplettbeobachtung entzieht. Fuchs begründet dies mit dem Spannungsverhältnis gegenüber den klassischen Medien:

„Die Kunst erfüllt ihre Funktion durch die Präsentation von Objekten, die sich nicht vollständig beobachten lassen, also auf Unausschöpfbarkeit hingetrimmt sind; das WWW konfrontiert die kurrenten Selbstbeschreibungen der Gesellschaft durch die Massenmedien mit durch diese Medien nicht erfassbaren Gegenseiten, indem es eine ‚Dauerverblitzung‘ installiert, die sich nicht selbst publizieren lässt. Beide Systeme richten sich auf der Ebene der Unmöglichkeit einer totalisierenden Beobachtung ein.“[9]

Allerdings unterscheidet sich die Art und Weise wie das WWW seine Umwelt rekonstruiert deutlich von der Kunst. Die Kunst richtet sich auf das Ästhetische. Sie bezieht sich auf ein Bewusstsein, das durch Objekte, die keinen praktischen Sinn oder Nutzen haben, fasziniert werden kann.[10] Die Entschlüsselung steht nicht im Fokus, sondern das Erleben: Bei jeder Betrachtung neue Facetten zu entdecken, um dann wieder von vorn zu beginnen. Im Gegensatz dazu benötigt das WWW eine andere Form des Bewusstseins. Dieses zeichnet sich durch eine gewisse Unruhe aus. Es kann nur befristet gebunden sein, da es zum „Surfen“ animieren soll.[11] Die Sinnoperationen sind hier weitaus einfacher. Es geht hauptsächlich darum, dass Gerät zu bedienen.

Auch die theoretischen Überlegungen von Fuchs bieten ihre Tücken. Übertragen wir dieses System 1:1 in die Gegenwart, so wären Unternehmen wie Google, Facebook, Yahoo, Microsoft die Beobachter zweiter Ordnung. Sie bestimmen anhand ihrer Algorithmen, welchen Hyperlink ich zu sehen bekomme. Damit würden die Suchmaschinenbetreiber Realität erzeugen. Diese Vorstellung wirkt zunächst abschreckend, da Google als sog. „Datenkrake“ verschrien ist. Und trotzdem: Google ist heute unangefochtener Marktführer bei den Suchmaschinen. Alle frei verfügbaren relevanten Informationen, von Nachrichten bis hin zu wissenschaftlichen Texten, können wir heute bequem mit einem Mausklick abrufen. Aus dieser Sicht werden die Thesen von Fuchs verständlicher und zeigen auf, dass gewisse Verschiebungen im Mediensystem stattfinden. Wenn Luhmann in den 1980er Jahren sagte, dass alles Wissen durch die Massenmedien vermittelt werden würde, so mussten wir ihm damals Recht geben. Heute können wir diese These nicht mehr uneingeschränkt unterstützen. Wikipedia ist auf dem Weg die traditionellen Enzyklopädien größtenteils zu verdrängen. Wissen wird zunehmend kollektiv gesammelt. Es bestehen somit einige Anhaltspunkte für eine gesellschaftliche Veränderung, die unsere bisherigen Funktionssysteme berühren.

Soziale Systeme dienen der Reduktion von Komplexität. Wie schon eingangs beschrieben, ist das Sicherstellen von Anschlusskommunikation Aufgabe der gesellschaftlichen Funktionssysteme. Durch die Verlagerung von globalem Wissen in das WWW wird zunehmend deutlich, dass die ursprünglichen Medien nicht mehr die Geschwindigkeit halten können, die das Internet vorlegt. Vielleicht sind wir in ein Zeitalter gekommen, in dem gesellschaftliche Kommunikation nicht mehr durch analoge Medien sichergestellt werden kann. Das Internet ist die größte Kommunikationsrevolution seit der Erfindung des Buchdrucks. Der Buchdruck wiederum war mitverantwortlich für die Emanzipation des Bürgertums. Es wäre nicht logisch, wenn mit den Möglichkeiten des Internets keine Neu-Strukturierung der gesellschaftlichen Funktionssysteme einhergehen würde. Allerdings besteht auch bei all den Hoffnungen ein Problem: Wir können bisher keine Codierung des Systems feststellen, da diese Entwicklung noch zu jung ist.

Dennoch können wir aus diesen Überlegungen, Schlüsse auf die Internet-Tsunami ziehen. Gehen wir von der Prämisse aus, dass sich das WWW zu einem System entwickelt, werden gesellschaftlich relevante Themen zunehmend in diesen Raum verlagert und nach seinen Kriterien behandelt. So wie die Massenmedien nach dem Code informativ/nicht-informativ arbeiten, wendet auch das WWW seinen eigenen an. Die Internet-Tsunamis zeigen doch deutlich auf, dass der Nutzer bereits ein Prinzip des WWW verinnerlicht hat und es auf das politische System übertragen will: Spontane Teilhabe.

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[1] Luhmann 2004: S. 11

[2] Huber, Steff 1997: Die Theorie sozialer Systeme und das Internet: 4. Soziale Systeme im Netz? <http://www.steff.de/netzsystem/netzsystem-03.htm#TopOfPage> (10.03.2012)

[3] Kluba 2002: S. 98 ff.

[4] Fuchs, Peter 2003: Das World Wide Web ohne Technik. (20.05.2012)

[5] Huber 1997

[6] Fuchs 2003

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] ebd.